Drohender Preisanstieg beim Trinkwasser durch hohe Nitratwerte?

Das Umweltbundesamt warnt in einer Studie vor einem drohenden Preisanstieg beim Trinkwasser um bis zu 45 Prozent. Als Grund nannte die Behörde hohe Nitratwerte im Grundwasser: Teure Aufbereitungsmethoden zur Reinigung des Wassers trieben den Wasserpreis in die Höhe. Dr. René Frömmichen, analytischer Chemiker, Gewässerökologe und Leiter des Trinkwasserlabors der Trinkwasserversorgung Magdeburg GmbH, ordnet die Studie ein.

Frage: Auch bei der Heidewasser GmbH haben sich verunsicherte Kunden gemeldet. Dr. Frömmichen, Sie schauen sich täglich die Qualität des Trinkwassers an. Wie schätzen Sie die Warnungen ein?

Dr. Frömmichen: Es geht nicht vordergründig um die Nitratwerte des Trinkwassers. Die sind mit wenigen Ausnahmen einwandfrei. Die Warnungen beziehen sich auf die Erhöhung der Nitratgehalte im Grund- und Oberflächenwasser. Und diese sind durchaus berechtigt, denn Warnungen sind dazu da rechtzeitig diesem Trend entgegenzuwirken. Nur so wird die öffentliche Wasserversorgung auch zukünftig nicht vor die Aufgabe gestellt, in teure Reinigungsverfahren zu investieren. Investitionen werden nur vermieden, wenn in Sachen Nitrat eine Trendwende herbeigeführt werden kann.

Frage: Welche Nitratwerte messen Sie im Trinkwasser aus dem Einzugsgebiet der Colbitz-Letzlinger Heide?

Die Nitratwerte im Großeinzugsgebiet der Colbitz-Letzlinger Heide bis in die Altmark, aber auch im Fläming und im Harz hinein sind so niedrig, dass unsere sehr empfindlichen Nachweisverfahren nur sehr selten ein auswertbares Signal messen können. Wir bewegen uns in der Regel weit unterhalb von 5 mg/l Nitrat im Trinkwasser. Der Grenzwert nach der Trinkwasserverordnung liegt demgegenüber bei 50 mg/l Nitrat.

Frage: Unter welchen Bedingungen kann sich das eines Tages ändern?

Die Veränderung des Nitratwertes im Grundwasser ist ein komplexer Vorgang. Oberirdisch spielen die Bewirtschaftung, der Niederschlag und die Temperatur eine wichtige Rolle bei der Verfrachtung des Nitrates in die Bodenzone. Bei Überfrachtung helfen für eine gewisse Zeit biogeochemische Prozesse, die maßgeblich durch Bakterien gesteuert werden, bei der nachfolgenden Umwandlung bzw. Abbau des Nitrates.

Frage: Wie lange dauert diese „gewisse Zeit“?

Das ist lokal recht unterschiedlich und schwer zu prognostizieren. Momentan messen wir nur in den flurnahen und nicht vom Wasserversorger genutzten Grundwasserleitern Nitratwerte zwischen 5 und 85 mg/l. Die vom Wasserversorger bewirtschafteten Wasserfassungen in den tieferen Grundwasserleitern sind frei von Nitrat.

Frage: Wer ist für diese Entwicklung verantwortlich?

Klärschlamm, Abfall, Pestizide, Biozide und Düngemittel kommen unter nicht ausreichender behördlicher Kontrolle auf die deutschen Äcker. Dies belegen die flächendeckenden Befunde von leistungsfähigen Laboratorien zu organischen Spurenstoffen wie PFT oder aber auch Nitrat im Auftrag der Trinkwasserversorger in Deutschland. Die Politik müsste ausgleichend und regulierend in die nachhaltige Bewirtschaftung zum Beispiel in den Einzugsgebieten für die Trinkwassergewinnung tätig werden. Sie tut dies aber ungenügend, indem sie der europäischen Gesetzgebung zum Schutz des Grundwassers in vielen Gebieten Deutschlands nicht ausreichend nachkommt.

Frage: Derzeit läuft deshalb ein Verfahren gegen die Bundesrepublik Deutschland.

Richtig. Sie kommt den Verpflichtungen seit 1991 nicht nach, gegen Verunreinigungen von Gewässern vorzugehen. Sie ergeben sich aus der Nitrat-Richtlinie. Nitrat ist ein wichtiger Pflanzennährstoff – keine Frage. Schlecht bilanziert und kontrolliert ergeben sich jedoch Gefahren für den Menschen und die Umwelt. Strengere Regelungen für eine nachhaltige Landwirtschaft, die unsere Umwelt nur marginal belastet, werden daher seit mehr als 25 Jahren von den deutschen Trinkwasserversorgern gefordert.

Frage: Warum ist Nitrat schädlich für den Körper? Welche Dosis, gemessen an täglichen Wasserverbrauch, müsste man zu sich nehmen, um Schäden am Körper zu verursachen?

Nitrat ist für den Menschen primär so gut wie nicht toxisch. Etwa sechs bis sieben Prozent wird jedoch im Körper durch Bakterien zu Nitrit umgewandelt. Dieses kann unter bestimmten Bedingungen mit Aminen weiter zu Nitrosaminen reagieren. Nitrosamine sind krebserregend – eine tolerierbare Tagesdosis gibt es für sie nicht.
Nitrit selbst kann darüber hinaus bei Kleinkindern und Säuglingen zur Blausucht führen. Es oxidiert in den Blutbahnen den roten Blutfarbstoff, das Hämoglobin. Das darin gebundene Eisen verliert die Fähigkeit, Sauerstoff zu binden und im Körper zu verteilen. Es kommt zur „innerlichen Erstickung“.

Frage: Wie steht es um Erwachsene?

Für einen normalen Erwachsenen treten akute Vergiftungserscheinungen durch Nitrit erst bei Dosen von 2 g bis 4 g auf. Er müsste hierfür etwa einen Kubikmeter Wasser mit einer Nitratkonzentration von 50 mg/l trinken.

Frage: Welchen Kontrollen unterliegt unser Trinkwasser?

Das Mindestmaß an Kontrollen regelt die Trinkwasserverordnung. Darüber hinaus stellt der Wasserversorger über ein Netz an Kontrollpunkten sicher, dass sein Produkt eine bestimmte Qualität auf seinem Weg zum Verbraucher behält. Das ermöglicht ihm auch eine schnelle Ursachenforschung bei Grenzwertverletzungen.
Die Trinkwasserkontrolle beginnt natürlich nicht erst beim Trinkwasser. Weiterhin werden die Aufbereitungsstufen, das Rohwasser sowie das Grundwasser in Wasserschutzgebieten kontrolliert. All diese Kontrollen werden von einem unabhängigen Laboratorium durchgeführt.

Frage: Wie Ihr Trinkwasserlabor?

Genau. Mit der Besonderheit, dass wir eine Organisationseinheit eines Wasserversorgers sind. Unsere Unabhängigkeit wird aber von der Geschäftsführung gewährt und regelmäßig im Rahmen unserer Akkreditierung bestätigt.

Quelle: Nitrat im Grundwasser. WAZ regional. Elbe Fläming Nr. 3 / August 2017